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Deine Lakaien – Crystal Palace (Album-Rezi)

Deine Lakaien - Crystal PalaceDeine Lakaien – Crystal Palace
Genre: Dark Wave, Electronica, Avantgarde, Experimental
Spiellänge: 44:37
Label: Chrom Records
VÖ: 08.08.2014
Website: www.deine-lakaien.com
Bewertung:
★★★★★½

„Now my time has come
Return into the sun
‚Cause I’ve always been
Searching for you.“

(Kasmodiah: Return, 1996)

Sie sind wieder da: Deine Lakaien. Die Dark Wave Ikonen und Avantgarde-Elektroniker geben sich sich die Ehre ein neues Album auf die geneigte Hörerschaft loszulassen. Vier Jahre sind seit dem letzten Opus Indicator vergangen und man konnte gespannt sein, ob die Herren Horn und Veljanov es schaffen mit dem Crystal Palace an alte Erfolge anzuknüpfen. Diese Frage kann schnell beantwortet werden: Ja, können sie! Punkt! Und darüber hinaus…

War der Indicator für mich nicht ganz so ein Indikator für die Lakaien, wie ich sie persönlich mag, so sind die neuen Songs (oder sollte man sie lieber Kompositionen nennen?) allesamt Kleinode. Kostbarkeiten, die für sich stehen, absolut individuell fungieren und den Hörer in eine ganz eigene Welt entführen. War der Indicator trotz Ecken und Kanten irgendwie silhouettenlos und verweilte irgendwie nicht in meiner Erinnerung, so ist es bei Crystal Palace gänzlich anders.

Alexander Veljanov & Ernst Horn

Alexander Veljanov & Ernst Horn

Das Album eröffnet mit dem zugleich zerbrechlichen und martialischen Nevermore. Thematisiert wird hier die Liebe bzw. die Enttäuschung durch Liebe und die Abwehr selbiger. Der Refrain baut sich sukzessiv hymnisch auf und lässt einen auf einer Wolke des Nicht-Liebens schweben. Farewell schließt an. Dieser Song dürfte bereits als Singleveröffentlichung und Videopremiere bekannt sein. Ein Marschrhythmus, ein lieblich säuselnder Refrain und verkopft zirpende Synthesizer in der Strophe. So stampft sich dieser Track durch seine Spielzeit und zeigt den manischen Umgang mit Beziehungen aller Art, die Menschen untereinander haben können und wie Geschehnisse und Ereignisse einen verfolgen können. Position Nummer drei bekleidet die erste Ballade des Albums: Forever and a Day ist bei einem emotionalen und persönlichen Text eine eher subtile musikalische Reise. Ethnische Synths treffen auf schmeichelnde Flächen. Verkopfte Rhythmen und Pianoeinschübe untermauern dies. The Ride beginnt mit einem rhythmisch leicht vertrackten verzerrten Synthbrett. Es folgt ein sehr straighter Rhythmus, der aus der Anfangszeit der Lakaien stammen könnte. Man fühlt sich wohlig an Songs wie Down down down (1991) oder Colour-ize (1986) erinnert. Ein Song, der eine Reminiszenz an alte Dark Wave und Post Punk Tage der 80er und vor allem der 90er liefert. Where the Winds don’t blow ist eine wunderbar unaufdringliche Ballade. Mit fast choraler oder kanonischer Schlichtheit schleicht sich die Strophe ins Ohr, bevor es in einen schlichten, aber wirkungsvollen Refrain übergeht. Harfensynthesizer verbreiten eine Art folkige Atmosphäre. Die Strophen richten sich textlich an ein lyrisches „Du“, während der Refrain eine starke Metapher eröffnet: Der Schnee fällt nicht dort, wo noch Sommer ist und der Wind weht dort nicht wo kein Vogel fliegt – wenn Menschen vor anderen Menschen stehen, die ihnen vielleicht viel bedeuten, aber hilflos und machtlos vor Problemen stehen und nicht imstande sind damit umzugehen. Veljanov kleidet es in starke Bilder, Horn in unkomplizierte und überbordende Klänge. Der Titeltrack Crystal Palace umschwärmt uns auf der einen Seite in einem klassischen Tanzgewand mit seinem ¾ Takt in der Strophe. Der gewählte Cembalosound unterstützt diesen Eindruck. Willkommen bei einer barocken Festlichkeit. Der Refrain versprüht dabei eine fast schon kindliche Unbeschwertheit mit seinem 4/4 Takt. „Welcome to Crystal Palace“. Das ganze wird noch aufgelockert durch einen orientalischen Sitarklang. Klanglich unbeschwert geht es auch mit Why the Stars weiter. „Why is the moon mocking at me with his light?“ fragt Veljanov in fast naiver Attitüde, während die Synths verspielt frohlockend um ihn herum tanzen. Harter Beat setzt ein. Straight forward. Verzerrte Synths. Man möchte tanzen. Break. Man möchte meinen eine Generalpause setzt ein. Darüber Veljanovs sonore Stimme. All diese Gegensätze finden sich in diesem einen Song. The Lights of our Streets ist ein sehr ruhiger Song, der den Musikern nach als Gegenpol zu sämtlichen „einsamen Menschen in der großen, weiten Stadt“ Konzeptionen gedacht ist. Das Konzept eines „Schlafliedes für Erwachsene“ dringt hier durch. Die Harmonieverwendung im Refrain hat was sehr Tröstendes und jagt mir fast immer eine wohlige Gänsehaut über den Rücken. „All the people in the street, not afraid to fall asleep in this peaceful street of mine“. Hört einfach selbst. Mit Those Hills haben die beiden Musiker auch wieder eine wahre Geschichte zu erzählen. Es geht um eine Frau, die alles verlassen hat, um ihrer großen Liebe zu folgen. Auf See gibt es dann Probleme, denn man hat mit Sturm zu kämpfen und muss nur noch die Hügel am Horizont erreichen. Inspiriert durch das Folk-Traditional „The House Carpenter“, kreiert Horn hier eine durchaus martialische Klangkulisse, die nicht davor zurückschreckt passende acidlastige Synthesizer zu verwenden. Die Synths flirren überhaupt den ganzen Song über im Ambitus von hoch bis tief dramatisch umher. Dies gibt dem Song einen unglaublich düsteren Anstrich. Den zehnten Song und damit den Abschluss des Albums bildet das eher nüchterne Eternal Sun. Schlicht wie ein Choral beschreibt der Song die Situation der Rückkehr eines Menschen zu sich selbst und damit seiner Basis.

 

Deine Lakaien

Deine Lakaien

Damit endet das Album und man wird aus dem Crystal Palace hinaus geleitet, wobei sich bei mir das Gefühl ausbreitet gleich noch einmal in den Kristallpalast zu schleichen. Und dass ich das Bedürfnis habe ein Album gleich ein zweites Mal zu hören passiert wahrlich eher selten. Ernst Horn und Alexander Veljanov zeigen mit diesem Album, dass eine gewisse Popattitüde sich nicht mit avantgardistischer Ästhetik beißen muss. Sagen sie doch, dass sie Anerkennung „Von Leuten, die Musik mehr lieben als das Drumherum“ bevorzugen. „Anerkennung von Menschen, die Schubert genauso mögen wie Radiohead.“ Die Lakaien sind kein Fähnchen im Wind:“Wir sind nun mal keine leicht konsumierbare Unterhaltungsband, wir sind Grenzgänger.“ Und damit behalten die beiden Recht. Man muss die Musik der Lakaien nicht unbedingt mögen, aber Stillstand kann man Horn und Veljanov nicht vorwerfen. Das neue Album zeigt dies sehr gut auf. Daher gibt es von mir fast die volle Punktzahl, denn wirklich jeder Song ist ein Kleinod und mit jedem Hören erschließen sich weitere Details einer extrem polyphonen Produktion, die nebenbei bemerkt sehr gut ausgefallen ist: Homogen und für ein komplett synthetisches Album sehr warm. Das einzige was man negativ sehen könnte ist die experimentelle Stringenz, die es auf älteren Veröffentlichungen zu hören gab. Allen voran hier das aberwitzige Fight vom Album Kasmodiah (1996) oder Mirror Man vom selbst betitelten Debut (1986/1991). Daher einen halben Punkt Abzug.

Crystal Palace ist dennoch eines der Alben 2014!

Ach ja: Den Kaufinteressierten empfehle ich das limitierte Digipack. Hier gibt es noch die drei Bonustracks The Swan Song, Portuguese Trails und Pilgrim zu bestaunen.

Anspieltipps: Das ganze Album! Ehrlich, mir fällt es schwer einen Lieblingssong zu finden…

– Sagaart

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