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This Is Electronic Body Music (Compilation, 1988)

This Is Electronic Body Music (Cover)Various Artists – This Is Electronic Body Music
VÖ: 1988 (Play It Again Sam)
Bewertung:
★★★★★☆

Irgendein Spaßvogel hat sich mal ausgedacht, dass jedes Jahr am 24. Februar der „EBM Day“ zelebriert werden sollte. Die Assoziation ist wohl klar – die Belgier Front 242 gelten schließlich als EBM-Urväter, warum sollte man den 24.2. also nicht der Electronic Body Music widmen? Im Zeitalter der sozialen Netzwerke verbreitete sich diese Schnapsidee wie ein Lauffeuer unter den Fans, und dieses Jahr fällt dieser frei erfundene Gedenktag praktischerweise auf einen Freitag! Fr.24.2. klingt da ja noch passender! 😉

Ich hab den „EBM Day“ aber zum Anlass genommen, um den Genre-Sampler schlechthin zu würdigen: „This Is Electronic Body Music“, erschienen 1988 auf dem damals höchst angesagtem Plattenlabel „Play It Again Sam“.

Und das war seinerzeit alles andere als einer von vielen Samplern in einer wahren Veröffentlichungsflut. Diese Compilation war bis dahin einzigartig und stieß für viele Leute die Tür zu einer neuen musikalischen Welt auf und zementierte ganz nebenbei „Electronic Body Music“, oder halt kurz EBM, als Genrebezeichnung. Und beim Hören dieses alten Schätzchens wird einem klar, dass vor nunmehr 24 Jahren der Begriff EBM deutlich weiter gefasst wurde als heutzutage. Es ist elektronisch, tanzbar aber kein Mainstream-Dance? Dann ist es EBM! So mancher jüngerer Hörer wird sich vielleicht heutzutage die Augen bzw. Ohren reiben, was 1988 alles unter diesem Etikett verstanden wurde.

In den Jahren zuvor, Mitte der Achtziger, hatte sich vor allem in Deutschland, Belgien und Großbritannien eine Szene junger Musiker herausgebildet, die die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung ausloten wollte und dabei auf vorgegebene Regeln, wie Musik zu sein hätte, mehr oder weniger pfiff. Den Grundstein legten bereits in den 70ern Gruppen wie Kraftwerk (damals schon Superstars) und experimentelle Bands wie Cabaret Voltaire oder Throbbing Gristle. Letztere erfanden übrigens für ihre schrägen Krachorgien den Begriff „Industrial“, eine Bezeichnung die bis heute immer wieder umgedeutet und auch mißverstanden wurde. Anfang der 80er zogen dann Bands wie DAF („Der Mussolini“), Die Krupps oder Front 242 nach und bewiesen, dass elektronische Musik nicht klinisch und (wie man heute sagen würde) nerdy klingen muss, sondern auch ordentlich nach Schweiss riechen kann.

Front 242 waren es dann auch, die 1984 als erste den Begriff „Electronic Body Music“ benutzten. Allerdings allein als Bezeichnung für die eigene Musik, „EBM“ war noch weit davon entfernt ein allgemein anerkannter Genrebegriff zu sein. Oft genug behalf man sich auch mit der Bezeichnung „Techno“. Und im Grunde war sowieso alles, was nicht Charts-Pop war, irgendwie einfach nur „Indie“.

Was Electronic Body Music dann sowohl als Begriff als auch als Musikrichtung den Durchbruch bescherte, waren zwei Ereignisse: Im Winter 1987/88 nahmen die damaligen Teenie-Idole Depeche Mode im Rahmen ihrer Music For The Masses-Tour sowohl Front 242 als auch die britischen Kollegen Nitzer Ebb als Vorgruppe mit auf Konzertreise durch die ganz großen Hallen und Stadien Europas. Und Anfang 1988 veröffentlichte „Play It Again Sam“ den bis heute Kultstatus geniessenden Sampler „This Is Electronic Body Music“! Spätestens jetzt gab es kein Halten mehr!

Dabei ist es nur folgerichtig, dass die Pioniere Front 242 mit dem Track „Body To Body“ den Opener dieses Compilation-Albums ablieferten. „Body To Body“ war ursprünglich die B-Seite der ersten Front 242-Single aus dem Jahr 1981, für diesen Sampler wurde das Lied aber komplett neu aufgenommen! So wurde aus einem düsteren und relativ gemächlichen Schleicher ein schweißtreibendes Stück elektronischer Musik, das auch im Rückblick alle EBM-Attribute in sich vereinte, daher stilprägend wirkte und für Jahre fast schon zum Synonym von Electronic Body Music wurde. Dabei war musikalisch hier gar nichts sonderlich neu – die Version von „Body To Body“ auf „This Is Electronic Body Music“ war im Endeffekt das aktualisierte Studioäquivalent der Live-Version. Aber auch 2012 ist „Body To Body“ für viele Fans einer der Front 242-Songs schlechthin!

„Das soll EBM sein?“ – das wird sich manch einer heutzutage fragen angesichts einiger anderer Beiträge auf diesem Sampler. Aber wie erwähnt wurde damals unter „EBM“ ein viel breiteres Spektrum verstanden als in späteren Jahren. „Chinese Black“ von den ebenfalls aus Belgien stammenden The Neon Judgement ist von der Songstruktur her eigentlich ein gewöhnlicher Rock-Song und hat neben aller Elektronik auch eine Gitarre im Programm. Ähnliches gilt für die Engländer The Cassandra Complex, die hier mit einem exklusiven Remix ihrer düsteren Hymne „One Millionth Happy Customer“ glänzen.

Mit Düsternis hatten Parade Ground nicht allzu viel am Hut. Ihr „Strange World“ ist eher süßlicher Synthie-Pop der zwar ganz charmant daher kommt, dem es aber letztendlich an Substanz fehlt. Kein Wunder, dass diese Band bald wieder in Vergessenheit geriet. Da zogen Click Click mit ihrem diabolischen „Sweet Stuff“ ganz andere Seiten auf! Interessanterweise ist das einzige nicht-elektronische Instrument hier eine Mundharmonika (sic!) aber zu einem wahren Underground-Hit wurde der Song wohl eher durch die atmosphärisch dichten und dennoch treibenden Sounds, die Click Click aus ihren analogen Synthies quetschten. Und durch die gequält-teuflische Stimme von Sänger Adrian Smith!

á;Grumh...

á;Grumh...

Bei á;Grumh… ist nicht nur der Bandname reichlich durchgeknallt, die Bandmitglieder selber waren es auch! Ihr Sound hatte trotz aller Synthies und Sequencer auch die Wildheit des Punk, und ihr Beitrag „Ha! People“ legt davon beeindruckend Zeugnis ab. Live ging es bei á;Grumh… noch eine Spur abgedrehter und wilder zu, ihr Auftritt in der Dortmunder Live Station anno 1989 ist mir da noch sehr deutlich im Gedächtnis! 😉 An selber Stelle und im selben Jahr legten auch A Split Second Zeugnis von ihren Live-Qualitäten ab, nachdem sie im Jahr zuvor auf „This Is Electronic Body Music“ mit dem eigentlich schlichten, aber witzig und clever gemachten Dance-Track „On Command“ größere Aufmerksamkeit erlangten. Die konnten auch sowohl die Weathermen mit ihrem schmissigen „Poison“ als auch Borghesia für sich verbuchen. Letztere sind mit dem eingängigen, aber dennoch eindringlich und wütend klingenden „No Hope, No Fear“ vertreten. Interessantes Detail: Trotz des englischen Titels singen die Slovenen hier in ihrer Muttersprache! Hatte man so vorher auch nie gehört…

Gänzlich aus dem Rahmen fallen Chris & Cosey, aka Chris Carter und Cosey Fanni Tutti. Bis 1981 war das Paar noch Mitglied bei Throbbing Gristle, mit ihrem Song „Exotika“ beschreiten sie aber hier ganz andere Wege. Entspannt und loungig zirpen hier die Synthesizer, während Sängerin Cosey Fanni Tutti lasziv ins Mikro haucht. Das hat mit dem heutigen Verständnis von EBM nun so gar nichts mehr zu tun, aber der Song hat mehr Sex und Erotik als so manche „Fick mich, Schlampe!“-Lyrik gewisser Electro-Bands der Neuzeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass Cosey Fanny Tutti vor ihrer Muskkarriere sich als Porno-Darstellerin betätigte…

Skinny Puppy Mitte der Achtziger

Skinny Puppy Mitte der Achtziger

Fand diese Compilation mit Front 242 eine gebührende Eröffnung, so steht der Abschluss dem in nichts nach: Die kanadische Legende Skinny Puppy steuert zu „This Is Electronic Body Music“ mit „Assimilate“ wohl einen ihrer größten Hits bei! Die treibende Hymne mit den prägnanten Vocals von Sänger Nivek Ogre war jahrelang das, was heutzutage „Destillat“ von Das Ich oder „Closer“ von Nine Inch Nails ist: Pflichtprogramm an jedem verdammten Abend in jeder beliebigen Düster-Disco dieses Planeten! Dass Skinny Puppy deutlich mehr bieten zu haben als dämonische Clubnummern bewiesen sie in den Folgejahren mit ihren z.T. immer experimenteller werdenden Alben. Für mich persönlich nach wie vor einer der großartigsten Bands überhaupt!

Elf Tracks bieten auf „This Is Electronic Body Music“ eine wunderbare Zeitreise in die späten Achtziger, und der Sampler gehört eigentlich in die Plattensammlung von jedem, der sich EBM-Fan nennt. Allein schon aus musikhistorischen Gründen, zeigt die Kollektion doch, dass unter „EBM“ damals nicht nur aggressiver, stampfender Electro mit verzerrten Vocals verstanden wurde. Das einzige wirkliche Manko des Samplers ist, dass einige stilprägende Bands wie Nitzer Ebb, The Klinik oder auch DAF hier fehlen. Aber das lag wohl schlicht und ergreifend an der Label-Politik – alle hier vertretenen Bands veröffentlichten auch ansonsten ihre Werke auf dem Plattenlabel „Play It Again Sam“!

01. Front 242 – Body To Body
02. The Neon Judgement – Chinese Black
03. Click Click – Sweet Stuff
04. aGRUMH… – Ha People
05. Parade Ground – Strange World
06. The Cassandra Complex – One Millionth Happy Customer
07. A Split Second – On Command
08. Chris & Cosey – Exotika
09. Borghesia – No Hope, No Fear
10. Weathermen, The – Poison
11. Skinny Puppy – Assimilate

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