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Front 242 – Front By Front (CD, 1988)

Front 242 - Front By Front (Original-Cover)

Front 242 – Front By Front
VÖ: 1988 (Red Rhino Records/Animalized)
Bewertung:
★★★★★☆

Bei vielen Bands gibt es ja das Album schlechthin, also ein Album auf das sich sowohl Fans als auch Presse einigen können als kreativen und/oder erfolgsmäßigen Höhepunkt im Schaffen. Ein Album, das immer wieder als Referenz genannt wird, wenn es um die entsprechende Band geht. Bei Front 242 ist das etwas schwieriger, die Alben scheinen im Rückblick mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander zu stehen, auch wenn das immens erfolgreiche „Tyranny For You“ (1991) oder das Live-Album „Re:Boot“, das 1998 das fulminante Comeback der Belgier markierte, etwas herausstechen. Aber immerhin: „Front By Front“ enthält den Überhit der Band: „Headhunter“!

J.L. De Meyer live bei der "Front By Front"-Tour 1989

J.L. De Meyer live bei der "Front By Front"-Tour 1989

Der Song erschien schon einige Monate vor dem Longplayer, welcher erst kurz vor der Jahreswende 1988/89 in die Läden kam. Und die Single „Headhunter“ schlug ein wie eine Granate, auch wenn  noch keine nennenswerten Chart-Positionen verbucht werden konnten. Aber das war wohl hauptsächlich dem damaligen Chart-System geschuldet. Nachdem Front 242 sich Ende 1987 als Vorgruppe von Depeche Mode einem breiten Publikum vorstellen konnten und Anfang 1988 der Sampler „This is Electronic Body Music“ die Musikrichtung an sich noch mal nach vorne schub, markierte „Headhunter“ den kommerziellen Durchbruch des Quartetts Daniel Bressanutti, Patrick Codenys, Richard 23 und Jean-Luc De Meyer. Charts hin oder her, dass in meiner damaligen heimatlichen Kleinstadt das örtliche Karstadt-Zentrum gewaltige Stapel der 12″-Maxi von „Headhunter“ an prominenter Stelle in der Plattenabteilung anbot spricht da wohl Bände. Selbst das Teenie-Magazin „Bravo“ berichtete über die Band, und das obskure Video zur Single, gedreht von dem vorher für Depeche Mode und U2 arbeitenden Anton Corbijn, schaffte es auch in die Rotation von MTV.

Front 242 - Headhunter (Cover CDV-Single)So ist es vielleicht nicht ganz so verwunderlich, dass einige alte Front 242-Fans bei Erscheinen des Album „Front By Front“ der Band kommerziellen Ausverkauf vorwarfen. Die Vorwürfe waren aber im Grunde unberechtigt, auch wenn Front 242 auf diesem Album ihre kantigen EBM-Sounds in ein eingängiges 4-Minuten-Format gossen. „Kommerziell“ geht aber anders! Der Opener des Albums, das beschwörende „Until Death (Us Do Part)“, hatte allerdings durchaus Pop-Qualitäten. Damit stand der Song auf „Front By Front“ nicht alleine da, denn auch Tracks wie das treibende „Im Rhythmus Bleiben“, das düster brummende „Circling Overland“ oder eben die Vorab-Single „Headhunter“ waren eingängig und tanzbar genug, um auch außerhalb der EBM-Gemeinde zu gefallen. Bei „First In/First out“ wagten die Belgier sogar Anklänge an den damals topaktuellen Acid House-Trend und machten dabei alles richtig – dank eines höllischen Grooves und dem typischen Wechselspiel zwischen den Sängern Richard 23 und J.L. De Meyer klingt dieser Dance-Track zu 100% nach Front 242. Nur auf der CD-Version enthalten ist „Welcome To Paradise“ von der „Headhunter“-Single. Mit seinem prägnanten Slogan „No sex until marriage“ wurde dieses Stück eines der bekanntesten der Band und ist auch heute noch Pflichtprogramm eines jeden Front 242-Konzerts.

Richard 23 live bei der "Front By Front"-Tour 1989

Richard 23 live bei der "Front By Front"-Tour 1989

Diesem Hit-Feuerwerk standen auf “Front by Front” sperrigere Titel wie etwa das düstere “Terminal State” oder die Klangcollage “Work 01″ entgegen. Bei letzterem legten Front 242 gesampelte Alltagsgeräusche aus der Arbeitswelt über einen pumpenden Beat – sicher das kantigste Stück des Albums.

Never Stop! (Single-Cover)1992 veröffentlichten Front 242 ihre bisherigen Alben in überarbeiteter Forum und mit neuem Coverdesign auf CD. So auch „Front By Front“, das als Bonus sämtliche Tracks der beiden Maxi-Singles „Headhunter“ und „Never Stop!“enthielt. Letzteres erschien 1989 als eigenständige Single-Veröffentlichung und war wohl wirklich der Versuch, den kommerziellen Durchbruch zu forcieren. Ein ziemlich poppiges Stück Tanzmusik, das zwar alle Front 242-Trademarks enthielt aber doch deutlich seichter ausfiel als gewohnt. „Never Stop!“ hat zwar seinen Charme und konnte sich im hinteren Bereich der Single-Charts festbeißen, aber im Grunde ist es nicht verwunderlich, dass der Song schon bald für immer aus dem Tour-Programm flog und heute zu den weniger bekannten Stücken der Band gehört. Die Bonusstücke von der „Never Stop!“-EP sind auch eher verzichtbar: Zwei eher langatmige Variationen des „Work“-Themas sowie eine überflüssige Zeitlupenversion von „Until Death (Us Do Part)“ namens „Agony (Until Death)“ – dafür gibt es leider Punktabzug!

Ansonsten gehört „Front By Front“ zum Pflichtprogramm jeden EBM-Jüngers. Zwar wirken die Songs des Albums aus heutiger Sicht sicherlich nicht mehr wie (Zitat Bravo 1989) „das Härteste, was musikalisch zu haben ist“, dennoch ist „Front By Front“ ein essentielles Album. Nicht umsonst bilden viele Songs dieses Werks auch noch 2012 den Kern jeder Front 242-Show.

Front By Front (Cover Re-Release 1992)

Front By Front (Cover Re-Release 1992)

01. Until Death (Us Do Part)
02. Circling Overland
03. Im Rhythmus Bleiben
04. Felines
05. First In / First Out
06. Blend The Strengths
07. Headhunter v3.0
08. Work 01
09. Terminal State
10. Welcome To Paradise *
11. Headhunter V1.0**
12. Never Stop! V1.0**
13. Work 242 N.Off Is N.Off**
14. Agony (Until Death)**
15. Never Stop! V1.1**
16. Work 242**

* nicht auf der Vinylversion enthalten
** Bonus Track des Re-Release

TV-Bericht über Front 242 1989

Front 242 – Headhunter (official clip by Anton Corbijn)

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