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Rückblick: Nitzer Ebb & Die Krupps live in Dortmund

Nitzer Ebb und Die Krupps gemeinsam auf Tour – das ist wohl für viele EBM-Fans ein feuchter Traum gewesen. Dieses Jahr wurde es tatsächlich war, und die beiden Urgesteine der Szene begaben sich auf eine gemeisame Mini-Tour quer durch Europa. War ja im Grunde naheliegend und quasi überfällig, denn Nitzer Ebb und Krupps haben sehr viele Berührungspunkte. Nicht nur, weil die nur wenige Jahre jüngeren Nitzer Ebb aka Douglas McCarthy und Bon Harris stets Die Krupps als einer ihrer wichtigsten Einflüsse genannt haben, sondern auch weil die beiden Bands bereits 1989 für eine Neuauflage des Krupps-Klassikers „Wahre Arbeit Wahrer Lohn“ zusammen gearbeitet hatten. Die Neuauflage hiess dann „Machineries Of Joy“, und eine Textzeile aus der Neufassung stand dann auch Pate für die gemeinsame Tour: Join The Rhythm Of Machines!

Das tat man dann auch gern und jettete zu diesem Zweck nach Dortmund ins FZW. Direkt bei Ankunft mussten wir feststellen, dass die Vorgruppe Formalin bereits gespielt hatten! Die beiden Berliner Jungs wurden schon um 18:45 Uhr auf die Bühne gescheucht, wie man hörte weil die Leitung des FZW pünktlich um 22 Uhr irgendeine blöde Disco-Veranstaltung (die musikalisch auch rein gar nichts mit dem Konzert zu tun hatte) beginnen wollte. Sehr unschön!

Unschön war auch, dass wenige Minuten nach unserer Ankunft Jürgen Engler mit seinen Krupps die Bühne betrat um loszulegen. Es war wirklich noch sehr früh, und irgendwie war meine Wenigkeit noch gar nicht in Konzertlaune. Man will ja erstmal die zahlreichen Bekannten begrüßen und eventuell auch ein Kaltgetränk an der Theke bestellen! Das musste nun halt zu den Klängen von „High Tech Low Life“ erledigt werden, dem sogleich ein mordsmäßig knatterndes „Isolation“ folgte. Irgendwie war ich nicht so erbaut, dass meine Lieblingslieder gleich zu Anfang kamen, als ich noch in der Warteschlange an der Bar stand. Aber was will man machen… Jürgen Engler stellte derweil unter Beweis, dass er nach wie vor ein guter Frontmann ist, und seine Band – die Stammbesetzung Ralf Dörper (Keyboards) und Rüdiger Esch (Bass) sowie die zusätzlichen Live-Musiker Marcel Zürcher (Gitarre) und Oliver Röhl (Schlagzeug) – sind ein eingespieltes und routiniertes Team.

Offensichtlich waren wir nicht die einzigen, die vom frühen Beginn überrascht und wenig erfreut waren. Als Die Krupps schon ein paar Lieder gespielt hatten sah man immer noch ein paar Fans mit Krupps-Shirt und blassen Gesichtern in die Halle hinein rennen. Der frühe Anfang war ganz klar nicht sonderlich gut publik gemacht worden! Engler & Co. Ackerten sich derweil durch die Setlist, die sich vor allem auf die gitarrenlastigeren 90er konzentrierte. Immerhin haben Die Krupps in diesem Jahrzehnt mit Alben wie „I“ und Songs wie dem passend titulierten „Metal Machine Music“ ein ganzes Genre mit angestoßen – Industrial Metal! Ganz alte Sachen wie „Volle Kraft Voraus“ gab es leider nicht, dafür aber ganz neues Material von der „Als wären wir für immer“ EP. Natürlich durfte der Propaganda-Song „Dr. Mabuse“ nicht fehlen – immerhin war Krupps-Keyboarder Ralf Dörper Mitlied der Band und Co-Autor dieses 80er-Hits. Mit „Der Amboss“ – wohl der aktuellste Krupps-Clubhit – gab es gleich noch eine Coverversion, denn das Original stammt von Visage. Die größte Überraschung war aber wohl „Blood Money“, ein Nitzer Ebb-Track den Die Krupps anlässlich der gemeinsamen Tour mit ins Programm genommen hatten. Da waren’s der Coverversionen drei, aber Die Krupps hatten mit „Fatherland“, „Germaniac“ oder „The Dawning Of Doom“ auch genug eigene Kracher zu bieten. Ein runder Auftritt einer verdammt guten Liveband, wenn auch nicht unbedingt ihr bester Auftritt und mit 60 Minuten auch etwas zu kurz für meinen Geschmack. Ein Blick auf die Uhr nach der Zugabe „Bloodsuckers“ verriet, dass wir eine Uhrzeit erreicht hatten, zu der andernorts Konzerte gerade mal anfangen: 20:30 Uhr.

Setlist Die Krupps:

Intro
High Tech Low Life
Isolation
Crossfire
Als wären wir für immer
Dr. Mabuse (Propaganda-Cover)
Beyond
Blood Money (Nitzer Ebb-Cover)
Der Amboss (Visage-Cover)
The Great Divide
Germaniac
The Dawning of Doom
Metal Machine Music
Fatherland

Bloodsuckers

 

Nun wurde es Zeit für Douglas McCarthy (Gesang), Bon Harris (Percussion, Schlagzeug, Produktion) und Live-Drummer Jason Payne aka Nitzer Ebb!
Nitzer Ebb werden bald ihren 100. Gig seit ihrer Wiedervereinigung im Jahr 2006 geben, insofern ist ein Nitzer Ebb-Konzert Konzert mittlerweile eine ziemliche Routine geworden, sowohl für die Band als auch die Fans. Aber eine es ist eine Routine im positiven Sinne, und zum Glück rühren Nitzer Ebb ihre Setlisten immer ein wenig neu anum die Sache interessant zu halten. Und last but not least gibt es ja noch die Rampensau Douglas McCarthy, schlicht einer der aufregendsten Frontmänner der Szene! Unser Mr. Cool ist einfach für die Bühne geboren, und bei aller Poserhaftigkeit hat er immer genug Lässigkeit und Charme um auch mit den größten Angeber-Posen durchzukommen. Zwar verlässt er sich hauptsächlich auf drei verschiedene Stage Moves (von links nach rechts laufen, von rechts nach links laufen, irgendwo breitbeinig stehen und die Faust recken) aber wie dieser Mann es immer wieder schafft, mit seiner unfassbaren Energie ein Publikum in Bann zu ziehen, ist schon faszinierend! Rampensau – dieses Wort wurde vermutlich für Douglas McCarthy erfunden!

Komischerweise dauerte der Umbau auf der Bühne knapp 30 Minuten, wo man es doch angeblich so eilig hatte. Egal, kurz nach 21 Uhr ertönte das Intro und zu dem unverwechselbaren Brummen von „Getting Closer“ erklommen Nitzer Ebb die Bühne. Auch wenn die Lautstärke mehr Dampf vertragen hätte und der Soundmix noch nicht optimal war, ging es trotzdem gleich in die Vollen. Nachdem Bon Harris bei „Getting Closer“ den Herrn McCarthy in Sachen Publikum anbrüllen tatkräftig unterstützt hatte, zog er sich dann hinter seinen Geräteturm zurück. Man sah jede Menge Drum Pads, Laptop und diese merkwürdige irgendwie xylophon-artige Instrument, dass es Haris erlaubt mit seinen Schlagstöcken sowohl Percussions als auch Melodien zu spielen. Das folgende „Down On Your Knees“ vom letztjährigen Album „Industrial Complex“ (das erste in 15 Jahren!) zeigte, dass sich die neuen Songs wunderbar mit den alten Klassikern vertragen und vom Publikum ebenso freudig aufgenommen werden. „Shame“ und „Hearts & Minds“ vom 89er-Album „Belief“ hielten das Energielevel auf hohem Niveau, auch wenn es im FZW kein Massenpogo wie in alten Tagen gab. Das Publikum – zumindestens das in Dortmund – ist halt sichtbar in die Jahre gekommen. Zum freudigen Popowackeln reichte es aber dennoch, und vorne rechts gab es dann doch ein paar verschwitzte Kerle, die sich mit nacktem Oberkörper redlich Mühe gaben sich gegenseitig umzuschubsen. „Let Your Body Learn“ gab für solche Aktivitäten den perfekten Soundtrack, und „Lightning Man“ erntete zur Begrüßung einen extralauten Aufschrei zur Begrüßung. Dann kam die dicke Überraschung: Nitzer Ebb spielten ihre Interpretation des Die Krupps-Überhits „To The Hilt“! Ihre Version hatte den typischen Nitzer Ebb-Stempel verpasst bekommen und trotz eines etwas schleppenderen Tempos trotzdem jede Menge Power. Douglas McCarthy hätte sich allerdings den Text etwas besser merken können, aber was soll’s! Er scherzte nach dem Song noch keck, er würde gleich nach hause gehen wenn das Publikum bald aufwachte, aber die anschliessenden „Murderous“ und „Join In The Chant“ wirkten deutlich besser als Weckruf als diese leere Drohung. Nach einer guten Stunde und „Control I’m Here“ als Abschluss des Hauptteils ging es dann Richtung lautstark geforderter Zugabe. Und Nitzer Ebb ließen sich nicht lumpen und eröffneten den Zugabenteil mit dem mittlerweile 26 Jahre alten Klassiker „Warsaw Ghetto“. Hammer! Das hymnische „I Give To You“ gab es fix hinterher, und schon waren die drei Herren wieder im Backstage verschwunden. Aber das es noch weitergehen würde wurde schnell klar, als die Roadies Jürgen Englers Stahlophon und Ralf Dörpers Keyboard wieder auf der Bühne aufbauten. Ein Song durfte an diesem Abend nicht fehlen, ganz klar! „Machineries Of Joy“, das gemeinsame Lied von den Krupps und Nitzer Ebb und quasi Taufpate der Tour war unumgänglich. Alleine Engler und McCarthy, diese beiden Frontmänner der Extraklasse, gemeinsam auf einer Bühne zu sehen war schon allein die Reise wert. Ein würdiger Abschluss eines guten Konzertabends, der zwar bei dieser Dream Team-Kombination noch etwas toller hätte sein können, aber die frühe Uhrzeit, ein paar Soundprobleme sowie ein z.T. etwas lahmeres Publikum als gewohnt hatten für Abzüge in der B-Note gesorgt. Egal, war gut, beide Bands kann man diesen Sommer auch auf dem Amphi erleben und darauf freue ich mich schon tierisch!

Setlist Nitzer Ebb:

Getting Closer
Down On Your Knees
Shame
Hearts And Minds
Let Your Body Learn
Once You Say
Lighting Man
To The Hilt (Die Krupps-Cover)
Godhead
Murderous
Join In The Chant
Promises
Control I’m Here

Warsaw Ghetto
I Give To You

Machineries of Joy (Nitzer Ebb & Die Krupps)

Nitzer Ebb – To The Hilt ( Die Krupps-Cover) (FZW/Dortmund)

Die Krupps – Der Amboss (FZW/Dortmund)

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